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Montag, 2. November 2020

Hauthunger, anders

Das Regionalkrankenhaus in Scheemda, wie man sieht: weit weg von allem
auf der grünen Wiese gebaut. Hauptsache, Autobahnanschluss in der Nähe.
  
Kürzlich hatte ich an einem nebligen Morgen einen Termin bei der Dermatologin. So wie in den Niederlanden üblich in der Poliklinik im Regionalkran-kenhaus. In Scheemda. Wie gut, dass ich meinen lieben Mann habe! Dankenswerterweise fuhr er mich hin, und das, obwohl der Termin völlig quer zu unserem Lebensrhythmus "in aller Hergottsfrühe" um 8:55 h war.

Mit öffentlichen Verkehrsmitteln wäre es viel komplizierter gewesen, der Zug verkehrt alle 30 Minuten, aber der Bus vom Bahnhof zum Krankenhaus nur stündlich; und da man "wegen Corona" nur maximal 5 Minuten vor dem Termin im Krankenhaus ankommen darf, hätte ich wohl den Termin neu und mit dem Fahrplan passend absprechen müssen. Allerdings für die Rückfahrt – wenn es nicht zufällig gepasst hätte mit dem Bus, hätte ich wohl entweder im Nebel bei 10° draußen warten müssen oder die Strecke zur Bahn zu Fuß zurücklegen können, in der Hoffnung, zu einem passenden Moment am Bahnhof anzukommen. Mal so nebenbei über das 'Leben auf dem Land' gesprochen.

Also, Termin im Krankenhaus. Natürlich mit Maske, hatte mir eine der dünnsten aus meinem Bestand herausgesucht. Mein eigenes Sterillium habe ich immer dabei, dann brauche ich nicht den Druck-mechanismus der "Flasche für alle" im Eingangsbereich zu betätigen. Natürlich muss ich mein Desinfektionsmittel schön auffällig und öffentlich benutzen, damit die reichlich am Eingang verteilten Wachleute auch sehen, dass ich mich an die Regeln halte.

Im beim Einchecken zugewiesenen Gang
der Poliklinik angekommen, wurde ich sofort aufgerufen. Auf den Wartestühlen, normalerweise alle besetzt, saßen ein paar vereinzelte Menschen im empfohlenen 1,5-m-Abstand. Anders als normalerweise, ist mit der Maske im Gesicht und unter den Abstandsregeln jede/r im eigenen Kokon eingesponnen. Man grüßt nicht mehr, schaut auf sein Handy oder stiert ins Leere.

Im Sprechzimmer machte ich erneut Bekanntschaft mit der hier allen Patienten gegenüber üblichen ausgesuchten Höflichkeit – und erlebte die (darüber gleich mehr) in den letzten zwei Jahrzehnten wieder eingekehrte, enorme Schamhaftigkeit.

Die sehr freundliche Assistentin klärte mich auf: ich sei ja zur Kontrolle meiner Haut hier, dazu würde mich die Ärztin gerne unbekleidet in Augenschein nehmen – wenn ich damit einverstanden sei.
Ich: Davon gehe ich eigentlich aus!
Sie: Schön, dass Sie das so sehen. Es gibt immer wieder Leute, die das nicht wollen.
Ich: ???

Dann kam, was ich schon kannte: Klamotten bitte aus bis auf BH und Slip, und auf der mit Hygienepapier abgedeckten Liege sitzend Platz nehmen. Die Ärztin käme gleich. Es gibt bei diesen Kontrollterminen kein Vorgespräch, aber darüber wunderte ich mich schon nicht mehr, das kannte ich ja schon. Optimierung im Spar-Gesundheitswesen.
Sicherheitshalber behielt ich meine Kniestrümpfe und Schuhe erst mal an.
Wer nicht kam, war die Ärztin.

Allmählich wurde mir kühl, und ich war froh, dass ich Schuhe und Strümpfe an hatte. Gerade hatte ich mir zusätzlich mein wollenes Maxi-Strickkleid wie ein wärmendes Tuch um den Oberkörper geschlungen, erschien die Assistentin wieder: es dauere leider noch mit der Ärztin. Ob es mir nicht zu kalt würde? – Doch, genau das! – Oh, vielleicht können Sie sich einen Pullover umhängen? – Habe ich gerade schon getan. Mein Kleid als Schultertuch. – Gute Idee! Bitte entschuldigen Sie…

Nach weiteren zwei, drei Minuten – ich war wirklich dankbar für die Wärme des oversized Yak-Wolle Kleides – klopfte es, und die Ärztin kam herein. Eine junge Chinesin, dem Gesicht nach. Dem Akzent nach in Brabant aufgewachsen. Eine ausgezeichnete Chirurgin übrigens, das hatte ich im vergangenen Jahr erfahren.

Die Begutachtung nahm ihren Lauf. Ich wies auf dies und jenes hin, alles harmlos, und und ich wunderte mich, wie sie das alles hinbekam, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu berühren. Ob ich auch die Kniestrümpfe ausziehen solle?, fragte ich sie. – Ja, das wäre schon praktisch. Gesagt, getan.

Durch eine Schmerzpuppe musste ich  mich dann doch nicht vertreten lassen
Am Rücken hob sie die BH-Rückseite etwas an – ha! doch eine Berührung! – und ich fragte, ob ich den BH nicht ausziehen solle, dann könne sie doch besser gucken. – Oh nein, das sei nicht nötig. Sie machten es immer so, dass die Patientinnen den BH anbehielten.

Unterdessen war sie beim Begutachten meiner Vorderseite angelangt. 

Ob sie nicht auch die Haut an und unter den Brüsten sowie seitlich der Brüste sehen müsse? Nein. Normalerweise behalten Patientinnen den BH an. – Ooch, das mache mir nichts aus, ich gehöre zu einer Generation, die damit nicht so Probleme hat. Sonst könne sie doch gar nicht alles sehen?... – Wenn ich unbedingt darauf bestünde, meinen BH auszuziehen, könne ich das natürlich tun, aber üblicherweise…. – Kam es in einem Tonfall, als ob ich ein unsittliches Verlangen an sie gerichtet hätte.
Ich verzichtete dankend.

Bezüglich Slip das gleiche. Ich zog ihn zu schmalen Streifen zusammen wie bei einem Mini-Bikini, damit sie alles an den Hüften und am Unterbauch gut sehen könne. Sie schreckte zurück wie wenn sie an eine heiße Herdplatte gefasst hätte. Nein, nein, das sei nicht nötig! Normalerweise…. usw.

Das kenne ich aus Deutschland deutlich weniger schamhaft. Ich bin doch aus medizinischen Zwecken da, bei einer Ärztin zumal, Frauen unter sich!

Innerlich kopfschüttelnd begann ich - die Begutachtung war vorbei - mich wieder anzuziehen. Nicht besonders beunruhigt, was die ungesehenen Stellen meiner Haut betrifft, ich habe nur sehr wenige Leberflecken u.ä., und habe auch nie in meinem Leben ausdehnte Nackt-Sonnenbäder genommen. Viel zu helle Haut. Aber natürlich kann auf diese chinesisch-niederländische Sicht-Weise theoretisch schon etwas übersehen werden…

Nun durfte ich mich noch an einem der in der heutigen Zeit so gebräuchlichen Euphemismen freuen. Nach eingehendem Studium meiner Daten am PC nämlich kam sie mit der "frohen Botschaft": "Sie brauchen nächstes Jahr nicht mehr zur Kontrolle zu kommen! Es ist nicht nötig, dass Sie noch einmal hierher kommen. Das ist doch schön!" – Statt in Freudentaumel auszubrechen, fragte ich: "Ich brauche nicht. Aber darf ich denn?" – Oops! ich hatte das Manöver durchschaut. Sie zögerte. Einen Moment zu lang. "Also, wenn Sie unbedingt wollen……… dann können Sie nächstes Jahr nochmal kommen." – "Ja, gerne, weil ich nämlich seit 2008 immer wieder mal einen dieser (relativ ungefährlichen, aber doch nicht guten) Flecken hatte." – "O.k., dann bekommen Sie ca. in einem Jahr wieder einen Aufruf zur Kontrolle." – Verabschiedung. Weg war sie.

Ich war noch beim Ankleiden, da kam die Assistentin wieder in den Raum, tat das Papier weg, auf dem ich gesessen hatte und desinfizierte die Liege. Währenddessen memorierte sie für mich "In einem Jahr bekommen Sie den Termin wieder zugesandt. Und wenn Ihnen zwischendurch was auffällt, rufen Sie ruhig an." – Ich: "kann ich dann direkt hier bei der Dermatologie mich melden und muss nicht erst zur Hausärztin?" – "Wenn es innerhalb des einen Jahres ist, dann schon."
Es ist hier nämlich so: wenn im nächsten Jahr der Check so gut ausfällt wie dies Jahr, ist der "Fall" abgeschlossen. Dann ich muss in einem eventuellen Wiederholungsfall erst wieder durch das Nadelöhr "Hausarztpraxis". Spar-Gesundheitswesen.
 

Und so zog ich von dannen, von hinter meiner Maske den hinter ihren Masken versteckten Wartenden bewusst mit Blicken zulächelnd. Das will ich mir angewöhnen: die Maskierten explizit anzuschauen und Kontakt mit ihnen aufzunehmen.

 

Auf dem Weg zum Auto merkte ich, dass ich mich enorm beschwingt fühlte. Nicht nur wegen des "ohne Befund". Sondern vor allem, weil ich endlich mal aus meinen vier Wänden herausgekommen und unter – wie versteckten auch – Menschen gekommen war! Betriebsamkeit erlebt, mit anderen Menschen als dem eigenen Partner kurz ein paar Worte gewechselt hatte.

25 Minuten mal keine Isolation.

Es sind schon komische Zeiten… in denen man von einem Besuch in der Poliklinik Glücksgefühle mit nach Hause nimmt!

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